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Martha Cooper, Spray Nation. 1980s NYC Graffiti Photographs.

Spray Nation. 1980s NYC Graffiti Photographs. Martha Cooper 2022

Spray Nation ist eine großzügige Sammlung neu entdeckter Fotografien, die New Yorks goldenes Graffiti-Zeitalter dokumentieren, und stammt von einer der berühmtesten visuellen Dokumentarfilmerinnen. Mit Hunderten von Seiten neu veröffentlichter Fotografien aus den Archiven, aus denen auch ihr Buch Subway Art with Henry Chalfant stammt, zeigt das Buch bisher unveröffentlichte Bilder von Tags, Throw-ups, ganzen Autoteilen, Porträts von Graffiti-Writern und sogar einige prominente Aufnahmen aus jenen glücklichen Tagen, als Graffiti in der Galerie- und Ausgehszene im New York der frühen 1980er Jahre zum ersten Mal Fuß fasste. Zusammen mit dem Graffiti-Historiker Roger Gastman hat Martha Cooper ihre Tausende von 35-mm-Kodachrome-Dias durchforstet, um ihre Fotosammlung neu zu bewerten.

Wenn man bedenkt, wie einflussreich die Graffiti-Szene in den Jahrzehnten nach dieser ersten Explosion in den New Yorker U-Bahn-Zügen weltweit wurde, bestätigt das, was sie hier aufdecken, nur die grundlegenden Praktiken und Stile dieser ersten Graffiti-Writer. Diese (meist) jungen Sprayer und Marker bemalten Züge illegal und heimlich, um sich in einer oft chaotischen, geschäftigen Stadt, die sie zu übersehen schien, ein visuelles Territorium zu sichern. Sie sprühten, um für ihren Namen zu werben, Territorium zu beanspruchen, neue Ideen zur Diskussion zu stellen und schließlich ihre Altersgenossen mit Kunststücken zu beeindrucken, die ihre Sportlichkeit und ihr Geschick, Gefahren zu entgehen, unter Beweis stellten.

"Marthas Fotos haben die Erzählungen der Graffiti-Writer öfter bestätigt, als ich zählen kann", schreibt Gastman in seiner Einführung. "Sie sind wie dieses verrückte Highschool-Jahrbuch. Folglich ist Cooper derjenige, den jeder Graffiti-Writer, -Fan, -Sammler und -Forscher unbedingt sehen will."

Wie der Titel schon andeutet, verbreitete sich die Praxis des Graffiti-Schreibens in Städten im ganzen Land, und diese neuen Aktionsaufnahmen von Wänden und bemalten U-Bahn-Wagen wurden ausgewählt und digitalisiert, um die Bandbreite der Stile zu zeigen, die bald folgen sollten. Als ausgebildeter Ethnograf und professioneller Nachrichtenfotograf präsentiert Cooper eine Stadt so, wie sie ist, ohne unnötige Schnörkel oder anmaßende Erzählungen.

Die Essays von Roger Gastman, Steven P. Harrington, Miss Rosen, Jayson Edlin und Brian Wallis bezeugen die Bedeutung der sich entwickelnden Graffiti-Szene und die Rolle von Coopers Bestreben, diese flüchtige Welt mit einer einzigartigen Vision zu bewahren.

"Martha fotografierte gemalte Züge und B-Boys, weil sich damals kaum jemand die Mühe machte, dies zu tun. Sobald die Leute das mitbekamen, sah sie ihre Aufgabe als erfüllt an", schreibt der Graffiti-Autor und Historiker Jayson Edlin in seinem Essay. "U-Bahn-Graffiti starb allmählich aus, während die Straßenkunst aus ihrer Asche aufstieg. Desinteresse, Drogen und AIDS dezimierten den kulturellen Höhepunkt von New York City, seine hellsten Sterne starben, bevor ihre Werke siebenstellige Summen erreichten - Leben, die so vergänglich waren wie unsere Werke in der Bahn."

            Text: Steven P. Harrington & Jaime Rojo/BrooklynStreetArt.com   Fotos Eveline Wilson

 

Ray Mock. BANKSY IN NEW YORK

BANKSY IN NEW YORK. Ray Mock. 2019

Im Oktober 2013 "beschenkte" der britische Straßenkünstler Banksy New York City 31 Tage lang mit täglich neuen Überraschungen auf den Straßen aller fünf Stadtbezirke und bezog so die Bürgerinnen und Bürger in seine selbst gestaltete Künstlerresidenz ein. Es ist Tradition, dass Graffiti-Writer in New York behaupten, sie seien "all-city", und der Autor Ray Mock hat die Tags, Fill-ins und Pieces von Hunderten von Writern als Ein-Mann-Dokumentarist von Graffiti beim Carnage NYC Publishing erfasst. Hier verfolgt er die täglichen Bewegungen von Banksy durch die Stadt, um die üblichen, ungewöhnlichen und oft witzigen Aktionen eines der berühmtesten, aber anonymen Straßenkünstler und seines mutmaßlichen Teams von Assistenten, Schauspielern und Performern zu dokumentieren. Jede Installation hat eine Geschichte, die sozial oder politisch ist, oft mit einem tiefen Sinn für Kritik.

Banksy in New York ist gut illustriert mit Aufnahmen der seltsamen und interessanten Installationen seiner "Better Out Than In"-Show, die über die sozialen Medien enthüllt wurden. Er fängt auch die Szenen ein, die manchmal zu einem Chaos führten, als sich in den sozialen Medien herumsprach, dass ein neuer Banksy aufgetaucht war. Für einen New Yorker, der stolz auf sein Revier ist und die zunehmende Popularität der Straßenkunst genau beobachtet, untersucht Mock die verschiedenen Installationen und versucht, die Kunst und die Ereignisse aus erster Hand zu beschreiben, damit der Leser das Gefühl hat, dass er versteht, wie es war, dabei zu sein.

Das Buch fängt ein, wie das Banksy-Team mit Absicht, Witz und Schlagfertigkeit einen neuen Standard in der Welt der Straßenkunst setzt, indem es eine direkte Verbindung zwischen seiner digitalen Präsenz und den parallelen physischen Kunstwerken herstellt, die eine stadtweite Schnitzeljagd, Puppen, Theater, Performance, Überraschungen, Rindfleisch auf der Straße und ein paar Straßenschlachten umfassen. Es scheint, dass Mock nach einer Karriere als Graffiti-Jäger ebenfalls überrascht und verwirrt ist.

"In den letzten Jahren habe ich hauptsächlich Graffiti fotografiert, vorzugsweise schmutzige, mit Tags versehene Türen, mannshohe Fill-Ins, Güterzüge und illegale Pieces in verlassenen Gebäuden oder entlang von Bahngleisen", sagt er in der Einleitung zu Banksy in New York. Darin wird die "Residenz" kurz, aber in vielerlei Hinsicht umfassend festgehalten, einschließlich Details wie die Verunstaltung seiner Werke, ihre Entfernung und die Reaktionen von Gebäudebesitzern, Nachbarn, Banksy-Fans und -Feinden gleichermaßen.

            Text: Steven P. Harrington & Jaime Rojo/BrooklynStreetArt.com        Fotos Eveline Wilson

 

Henry Chalfant & James Prigoff. SPRAYCAN ART

SPRAYCAN ART. Henry Chalfant and James Prigoff. 1987.

Der legendäre SUBWAY ART-Bildband von Martha Cooper und Henry Chalfant bereitete Graffiti-Writing erstmals zusammenfassend auf und dokumentierte das anfängliche simple Namewriting sowie die folgende Entwicklung der Motive zu Masterpieces auf der New Yorker Subway. Neben Filmen wie Style Wars, Wild Style! oder Beat Street exportierte das Buch das zuvor lokal begrenzte Phänomen und gab so den Startschuss für eine globale Graffiti-Bewegung.

Das drei Jahre später erschienene SPRAYCAN ART von 1987 zeigt die Auswirkungen, die der Graffiti-Boom weltweit zwischenzeitlich hatte. Henry Chalfant und James Prigoff legen ihr Augenmerk dabei klar auf meist aufwändig gestaltete legale New Yorker Wandproduktionen, auch von bekannten Train-Writern wie LEE, SEEN, T-KID oder REVOLT, welche bei SUBWAY ART noch keine große Rolle spielten. In diesen Hall of Fame-Pieces, Murals und Auftragsarbeiten stehen figürliche Motive mehr im Vordergrund und der Fokus liegt auf den mittlerweile erreichten hohen handwerklichen Fähigkeiten der Writer*innen.

Neben den Five Boroughs wird auch das Geschehen in amerikanischen Städten wie Philadelphia, Chicago, San Francisco oder Los Angeles beleuchtet. Obgleich die New Yorker Writer*innen stilprägend für die erste Graffiti-Welle waren, zeigen sich vor allem im europäischen Raum bereits wenige Jahre später eigenständige Styles in London, Amsterdam oder Paris. Neben den Schriftzügen prägen traditionelle Motive wie Comic-Figuren, Subway-Züge oder Bodé-Character dennoch ganz nach dem Vorbild aus Übersee die meisten Bilder.

SPRAYCAN ART dokumentiert nicht nur die schnelle Ausbreitung der Writing-Bewegung von Berlin bis Sydney und Cleveland bis Barcelona Mitte der 1980er Jahre, sondern zeigte den New Yorker Begründer*innen, dass ihre Kultur nicht lediglich nachgeahmt, sondern adaptiert, verstanden und weiterentwickelt wurde. Zwei Jahre bevor Graffiti auf den Subways des Big Apples zum Erliegen kommen sollte, präsentiert der Bildband Werke auf Wänden als nun fast gleichwertige Form von Graffiti.

            Text Sascha Blasche Fotos Sebastian Kläbsch

EINE STADT WIRD BUNT. Hamburg Graffiti History.

EINE STADT WIRD BUNT. Hamburg Graffiti History. 2021

Die Graffiti-Geschichte einer Stadt aufzubereiten ist ein Großprojekt. Obwohl in vielen europäischen Großstädten die ersten Graffiti im Stil des New Yorker Vorbilds Anfang der 1980er Jahre auftauchten, wurden diese, wenn überhaupt, nur spärlich dokumentiert. Die vergleichsweise hohen Kosten der analogen Fotografie dieser Zeit führten oft dazu dass nicht einmal die Urheber*innen ihre ersten Gehversuche festhielten. Offizielle Publikationen, die sich der Thematik widmen, sind rar, konnten doch die meisten Außenstehenden wenig mit den Bildern anfangen.

Erst in den frühen 1990er Jahren begannen Akteur*innen aus gesammelten und getauschten Fotos Szene-Magazine, sogenannte graue Litertatur, zu veröffentlichen. Für das 2021 erschienene EINE STADT WIRD BUNT.-Buch haben sich vier dieser Herausgeber zusammengetan und die ersten 20 Jahre der Geschichte von Graffiti in Hamburg nachgezeichnet. Da jeder von Ihnen seit über 30 Jahren in der städtischen Szene aktiv ist, konnten nicht nur über 1300 teils exklusive Fotografien zusammengetragen werden, sondern auch Zeitzeug*innen und szenekundige Expert*innen Texte beisteuern, die das Phänomen in einen größeren sozialen, kulturellen und stadtgeschichtlichen Kontext setzen.

Das Ergebnis ist eine akribisch genau recherchierte Chronik, die in Umfang und Detailliertheit Maßstäbe setzt. Alle relevanten Orte und Vertreter*innen der Szene werden umfassend vorgestellt und auch Akteure ohne direkten Hintergrund im Writing wie OZ, ERIC oder Peter-Ernst Eiffe, sowie politische Graffiti aus der Punk-Ära werden thematisiert.

Das Buch beinhaltet zudem diverse Fotos der Akteur*innen, Zeitungsartikel und Konzertflyer der in Europa eng mit Graffiti verknüpften Hip Hop-Bewegung. Während graue Literatur vor allem szeneintern herausgegeben wurde, adressiert EINE STADT WIRD BUNT ein breiteres Publikum auch ohne großes Vorwissen.

            Text Sascha Blasche Fotos Sebastian Kläbsch

 

Martha Cooper & Henry Chalfant. SUBWAY ART

SUBWAY ART. Martha Cooper & Henry Chalfant. 1984.

Martha Cooper war die erste festangestellte Fotografin der New York Post und fing für die Tageszeitung seit Mitte der 70er Jahre alltägliche Situationen auf den Straßen der Metropole ein. Als sie 1979 spielende Kinder in der Bronx fotografiert, fällt ihr ein kleiner Junge mit einem Skizzenbuch auf. Es ist HE3, ein Graffiti-Writer, der sich bereitwillig von ihr vor einem seiner Werke ablichten lässt. Als er anbietet sie DONDI, einer Szenegröße, vorzustellen, beginnt ihr Einstieg in die nach außen hin eher abgeschottete Graffiti-Welt.

In den folgenden Monaten erhält Cooper Einblick in die Szene, lernt unzählige Writer*innen kennen und hält hunderte der bunt bemalten Subways auf Film fest. So lernt sie auch Henry Chalfant kennen, der ebenfalls als Außenstehender die Werke der jungen Akteur*innen dokumentiert und beste Kontakte in die Szene hat. Anders als ihr Kollege, der die gesprühten Pieces möglichst frontal im Bahnhof stehend ablichtet, versucht Martha Cooper die Züge im urbanen Kontext einzufangen. Gemeinsam planen sie die Fotografien dieses einzigartigen Phänomens zusammenzuführen und in einem Buch zu veröffentlichen: ART TRANSIT.

Da jedoch kein amerikanischer Verlag bereit ist das Buch umzusetzen, finden die beiden Fotografen erst 1982 auf der Frankfurter Buchmesse mit Thames & Hudson einen Publisher, der sich dem Projekt annimmt. Zwei Jahre später erscheint ihr Werk als SUBWAY ART und wird der erste Bildband, welcher sich den bemalten Subways in New York widmet. Zusammen mit den Filmen Style Wars (1983), Wild Style! (1983) und Beat Street (1984) erreicht das Buch und somit auch Graffiti erstmals ein internationales Publikum.

 

 

Jugendliche auf der ganzen Welt beginnen so Mitte der 80er Jahre nach dem New Yorker Vorbild ausgedachte Namen als Pieces zu gestalten und auf Wände und Züge zu malen.

SUBWAY ART ist nicht nur Dokumentation, sondern auch Anleitung und prägt den Archetypen eines Graffiti-Pieces bis heute. Martha Coopers und Henry Chalfants Buch gilt weltweit als Bibel für Writer*innen.

 

            Text Sascha Blasche Fotos Sebastian Kläbsch

 

SPRAY CITY – GRAFFITI IN BERLIN

SPRAY CITY – GRAFFITI IN BERLIN 1994

Im Frühjahr 1994 fand im Rahmen des „X 94 – Junge Kunst und Kultur“-Festivals der Akademie der Künste die Ausstellung SPRAY CITY – GRAFFITI IN BERLIN statt. Das gleichnamige Buch erschien begleitend im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag und war der erste Bildband zu Graffiti in der Hauptstadt, welcher zudem auch Hintergründe und Einblicke in die Szene lieferte.

In der vorangegangenen Recherche konnten die Autor*innen Oliva Henkel, Tamara Domentat und René Westhoff (DISZ) detailliert in die Berliner Graffiti Szene eintauchen. Neben umfassenden Einführungen und Erklärungen, kommen eine Vielzahl an Akteur*innen in den zehn Kapiteln zu Wort. Szenegrößen des Westteils wie ODEM, BEN, DANE, KAGE, POET, SHEK und SKUME werden in Porträts vorgestellt sowie erstmals auch Writer*innen aus Ostberlin und einige Sprüherinnen der Hauptstadt.

SPRAY CITY ist keine Chronik, vielmehr zeigt der reich bebilderte Band einen Querschnitt an Protagonist*innen und somit den Status Quo der jungen Berliner Szene. Des Weiteren werden New Yorker Ursprünge beleuchtet, die Berliner Mauer und ihre Bedeutung für die Szene von Michael Nungesser beschrieben und LOOMIT ordnet die Stadt in einen internationalen Kontext ein. Doch auch das Spannungsfeld in dem die illegalen und legalen Werke entstehen wird erörtert: So äußern sich Vertreter der BVG, der Berliner Polizei und Bahnpolizei und Themen wie Gangkultur, strafrechtliche Folgen und Gewalt ergänzen den Inhalt.

 

Für die gesamtdeutsche Graffiti-Szene war das 1994 erschienene Buch ein wichtiger Impulsgeber. Erstmals konnte bundesweit ein Werk im Buchhandel erworben werden, das eigenständige Ausprägungen des amerikanischen Phänomens zeigte und authentisch auch für Außenstehende Graffiti nachvollziehbar darstellte. Dem Erfolg von SPRAY CITY folgten 13 weitere Bände der mittlerweile legendären GRAFFITI ART Reihe im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag.

 

 

Text Sascha Blasche      Fotos Sebastian Kläbsch

 

Gusmano Cesaretti. STREET WRITERS. A Guided Tour of Chicano Graffiti.

STREET WRITERS. A Guided Tour of Chicano Graffiti. Gusmano Cesaretti. 1975.

Die Wurzeln der globalen Graffiti-Bewegung liegen im New York der späten 1960er Jahre. Aus den einfachen Schriftzügen entwickelten sich über die Jahre erst simple, schnelle Pieces und spätestens Anfang der 1980er Jahre aufwändige, meist bunte Masterpieces auf den Zügen der New Yorker Subway. Doch schon früh gab es auch in anderen Regionen Amerikas ähnliche Formen des Namewritings.

Neben zum Beispiel Philadelphia blickt auch Los Angeles auf eine eigenständige Kultur des Schreibens von Namen im öffentlichen Raum zurück. So veröffentlichte der Fotograf Gusmano Cesaretti bereits 1975 mit STREET WRITERS – A Guided Tour of Chicano Graffiti ein dokumentarisch angelegtes Büchlein, das dem regionalen Phänomen in L.A. Aufmerksamkeit schenkte und in zahlreichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen die kryptischen Lettern und Nummern festhielt.

Die Bilder sind auf einer Tour durch Los Angeles entstanden, welche Cesaretti zusammen mit Charles „Chaz“ Bojórquez unternahm. „Chaz“ war bereits seit 1969 als plaquito / Writer in den Straßen der Stadt aktiv und klärte den Fotografen nach und nach über die Bedeutung, die Ursprünge und die Eigenheiten des sogenannten Cholo-Styles auf. So entlehnt der Stil kalligrafische Elemente aus der gotischen Schrift und die meist einfarbigen Schriftzüge sind individuelle Namen oder Gang-Namen, oftmals verbunden mit der Straßennummer, ähnlich wie im New York Writing. Der territoriale Aspekt steht bei den Chicano Graffiti im Vordergrund und die Namen wurden ursprünglich mit dem Pinsel, dann aber zunehmend mit Sprühdose und Marker angebracht.

Neben einleitenden Texten beinhaltet das Fotobuch verschiedene Regional-Kapitel, grobe Angaben zum Ort der Aufnahmen, zu den Urhebern und der Bedeutung ihrer Signaturen. Die unabhängig vom New York Graffiti entstandene Form des Namewritings erinnert an die Pixação aus São Paulo und prägt auch nach über 40 Jahren noch das Stadtbild sowie den Graffiti Style der Stadt.

 

Text Sascha Blasche Fotos Sebastian Kläbsch

 

Craig Castleman. Getting Up. Subway Graffiti in New York

Getting Up. Subway Graffiti in New York - Craig Castleman, 1982.

Im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der High School of Art and Design in Manhattan unterstütze Craig Castleman Ende der 1970er Jahre seine Schüler*innen bei der Umsetzung eines Büchleins (NASTY STUFF) zu ihrem favorisierten Thema: Graffiti auf der New Yorker Subway. Angeregt durch die Arbeit an diesem für ihn neuen Thema, verbrachte Castleman die folgenden Jahre damit, das Phänomen genauer zu untersuchen. Das Ergebnis ist seine 1982 veröffentlichte Dissertation „Getting Up. Subway Graffiti in New York.“. 

Neben Andrea Nellis „Graffiti a New York“ ist das Werk eine der ersten wissenschaftlichen Arbeiten zu dem Thema überhaupt. In neun umfassenden Kapiteln gibt Castleman detaillierte Einblicke in die Geschichte, Beweggründe, Erfahrungen und Herangehensweisen der New Yorker Sprüher*innen. Er beleuchtet so das für Außenstehende oft schwer nachzuvollziehende System, in dem sich die Writer*innen bewegen. Es werden nicht nur die verschiedenen Formen von Graffiti analysiert, auch wird über szeneinterne Hierarchien, Regeln und Verhaltensweisen aufgeklärt.

Auch die Antagonisten, wie die MTA (Metro Transit Authority), Polizei und Politik sowie ihre verschiedenen Vorgehensweisen und Projekte zur Eindämmung, finden sich in Getting Up wieder. Zudem stellt Castleman Organisationen wie die NOGA (Nation of Graffiti Artists) und UGA (United Graffiti Artists) vor, welche versuchten Writer*innen mit Leinwand- Arbeiten und Galerie-Shows in den Kunstmarkt einzuführen.
Während vor allem in der europäischen Forschungsliteratur zu Graffiti durch Über- und Fehlinterpretationen das Phänomen als rebellisches Aufbegehren ökonomisch, sozial und politisch marginalisierter Jugendlicher verklärt wird, gilt Getting Up durch die rein deskriptive und analytische Beschreibung von Writing auch heute noch allgemeingültiges Standardwerk zum Thema.

           Text Sascha Blasche Fotos Sebastian Kläbsch
 

Boulevard – On Trespassing and Culture No. 2 – INSTITUTION

Boulevard – On Trespassing and Culture 

No. 2 – INSTITUTION

Parallel zum wachsenden Interesse der Kunstwelt an Graffiti, Street Art und Urban Art hat auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung zu diesen Feldern in den letzten Jahren stetig zugenommen. Während sich in Fachbibliotheken zwar Standardwerke finden lassen, fehlen zur umfangreichen Recherche oft tiefer gehende Texte und Primärquellen. Dazu gehören seltene Ausstellungskataloge, Kleinstauflagen an grauer Literatur wie Bildbände und Szenemagazine, aber auch Texte deren Relevanz sich in der raschen Entwicklung der genannten Themenfelder gewandelt hat.

Die Herausgeber des „Boulevard“ haben sich dieser Problematik erstmals im Jahr 2019 (No. 1 - CLASSICS) angenommen. Das Magazin, welches im klassischen Format einer Tageszeitung daherkommt, ist jeweils in drei Kapitel unterteilt: TALK, REPRINT und CASES. Während die letzte Sektion ausgewählte Fotoserien zeigt, handelt es sich bei dem zweiten Teil um bereits anderweitig publizierte wissenschaftliche Texte, die ins Englische übersetzt, oftmals durch einen Kommentar der Autor*innen ergänzt, nun erneut veröffentlicht werden. Der TALK-Part funktioniert als Kulturjournal, dass auf aktuelle Events, Publikationen, Ausstellungen und Projekte hinweist, aber auch Interviews beinhaltet.

In der aktuellen Ausgabe (No. 2 – INSTITUTION) diskutieren Katia Hermann und Pietro Rivasi die Herausforderungen und Möglichkeiten von Ausstellungen zum Thema Graffiti.

Neben Ben Brohanszki und dem Graffitimuseum kommen des weiteren Jasper van Es und Good Guy Boris zu Wort, welche bereits 2017 die wegweisende #VIRALVANDALS Ausstellung in Eindhoven kuratierten. Neu aufgelegt werden im REPRINT-Teil Texte von Lene ter Haar, Harald Hinz, Orestis Pangalos, Patrick Hagopian sowie Bernd Dollinger und Bettina Hünersdorf. CASES zeigt Fotoserien von Dunja Janković, Bill Daniel, Emanuel Roth und Bilder des Hamburger Trainwriters RAGE.

            Fotos: Steffen Köhler     Text: Sascha Blasche

KUNSTFORUM International Bd. 260, Mai-Juni 2019

KUNSTFORUM International Bd. 260, Mai-Juni 2019 

Im Juni 1982 widmet das KUNSTFORUM International dem Thema Graffiti einen kompletten Band (Bd. 50 „Wilde Bilder. Graffiti und Wandbilder“). Der vage Begriff umfasst damals sowohl antike Erinnerungsschriften, politische Murals, Fassadenkunst, ironische Sprüche und einige weitere Formen teils illegaler Interventionen im Stadtraum. Klassisches Graffiti-Writing, dass seit einer Dekade das New Yorker Stadtbild prägt und in ähnlichen Formen in Philadelphia und Los Angeles schon seit den 1960ern existiert, wird mit drei Fotos und einer halben Seite Text eher beiläufig erwähnt. In den Folgemonaten sollte Writing durch Filme und Bücher jedoch weltweit in westliche Gesellschaften getragen werden und zu einer globalen Bewegung reifen.

Nach 37 Jahren ist Graffiti im Mai 2019 erneut übergreifendes Thema des Kunstmagazins.

Doch ist dieses Mal klarer definiert was mit dem Titel gemeint ist: Writing nach dem New Yorker Vorbild und gegebenenfalls daraus entstehende Kunst. So wird Writing nicht lexikalisch erklärt und ein Glossar an Szenebegriffen anbei gegeben, sondern Larissa Kikol versammelt große und kleine Namen der Szene und gibt einen Status Quo von Graffiti in Mitteleuropa.

Aus kunsthistorischer Perspektive werden ausgewählte Akteur*innen vorgestellt und ihr Schaffen analysiert und eingeordnet. Dazu gehören CLINT176 (Berlin), SAEIO (Paris), SUSIE (Berlin) und HAMS (Marseille). So werden aber auch die Städte Berlin als stilistischer Schmelztiegel der heutigen Szene und München als umfassend dokumentiertes Beispiel für europäische Frühwerke Anfang der 1980er Jahre porträtiert.

Eine umfangreichere Definition des Graffiti-Begriffs (Stadtmarketing und Urban Art) wird in dem Text von Robert Kaltenhäuser und Georg Barringhaus behandelt.

In umfangreichen Interviews geben zudem Henry Chalfant, Martha Cooper, RAP, 1UP und der Graffiti-Anwalt Dr. Patrick Gau sowie MOSES & TAPS™ Einblick in ihre Arbeit.

          Fotos: Steffen Köhler     Text: Sascha Blasche
 

Jürgen Große. URBAN ART PHOTOGRAPHY

URBAN ART PHOTOGRAPHY - Jürgen Große, 2008

Berlin gilt heute als Weltmetropole für Graffiti, Street Art und Urban Art. Während sich in den späten 1980er Jahren das Ende der goldenen Ära im Graffiti-Mekka New York abzeichnete, läutete der Fall der Mauer ein neues Zeitalter in Europa ein. Keine zehn Jahre nachdem vor allem Motive nach dem Vorbild aus Übersee in Berlin das Stadtbild dominieren, beginnt sich ein neues, artverwandtes Phänomen zu etablieren. Zeuge und Beobachter der aufkommenden Urban Art ist Jürgen Große, der damals bereits seit zwei Dekaden Kunst im öffentlichen Raum fotografiert. Neben Adbusting, skulpturalen Werken und oft zufällig erscheinenden Kuriositäten, dokumentiert er auch den Einsatz neuer Stilmittel wie Schablonen, Sticker, Plakate und vor allem Streichfarbe. Diese Werkzeuge verändern die Formensprache der Bilder, ermöglichen das Malen an zuvor schwer zugänglichen Stellen und in teils monumentalen Ausmaßen.

Abb. 211-1 – 212-2 Idee Orion

Das Spielfeld von Akteuren wie NOMAD, SWOON, BANKSY oder Brad Downey sind vorrangig die Ostbezirke der Hauptstadt, die mehr öffentlich zugängliche Freiflächen bieten. Doch Große erforscht auch Baustellen, leerstehende Gebäude, „Hidden Places“ und Hinterhöfe, die zunehmend ebenbürtige Leinwände für die Arbeiten von AKIM, 6, SPAIR, ZAST, KRIPOE, LOST SOUL und IDEE sind. Akribisch genau ist jeder Aufnahme Ort, Monat und Jahr hinzugefügt, sodass auch noch heute ein Vorher-Nachher-Abgleich möglich ist.

Abb. 357 – 364 Zast, Atari, Bus126, Akim, Zast

Urban Art Photography ist eine einmalige Dokumentation, welche die Anfänge einer Kunstform begleitet, die das Gesicht der Stadt heute prägt wie nie zuvor. Jürgen Großes Bildsprache fängt nicht nur die Werke ein, sondern bildet auch immer den Kontext des Stadtraumes mit ab. Dieses Zeitzeugnis erlaubt den Blick auf ein Berlin der 2000er Jahre, dass wie die meisten Arbeiten so heute nicht mehr existiert.

            Fotos: Steffen Köhler     Text: Sascha Blasche

AMSTERDAM ON TOUR. The early signs of Dutch graffiti.

AMSTERDAM ON TOUR. The early signs of Dutch graffiti. 2019.

 

Als die New Yorker Tradition des Graffiti Writing Anfang der 1980er Jahre durch Filme und Bücher wie Subway Art, Wild Style! und Style Wars weltweit Aufmerksamkeit und vor allem Nachahmer fand, war das sogenannte Namewriting vielerorts ein gänzlich neues Phänomen.

Amsterdam nimmt in Europa diesbezüglich jedoch eine Sonderrolle ein. Zwar finden sich auch hier in den siebziger Jahren Parolen, Sprüche und Kritik zu aktuellen politischen Themen wie dem Ausbau der Metro oder der städtischen Wohnungspolitik, durch das Aufkommen der Punkbewegung ändert sich aber die Intention „vom Aktivismus zum Egoismus“. Da die illegal angebrachten Slogans oft jahrelang in der Stadt zu sehen sind, nutzen vor allem Punkbands und deren Fans diese Tatsache aus um mit ihren Namen im Stadtbild zu werben.

In AMSTERDAM ON TOUR zeichnet der Writer AGAIN nach, wie aus dieser Bewegung das Schreiben von individuellen Pseudonymen einer neuen Generation hervorgeht. Denn bereits 1979, Jahre bevor Graffiti Writing aus Amerika nach Europa kommt, ist Amsterdam übersät von den Signaturen von THE DUMB, KODIAK STONE, VENDEX oder N-POWER.

Parallel zur Entwicklung der Tags zu teils aufwändigen kalligrafischen Schriftzügen, oft kombiniert mit figurativen Elementen, greifen Plakat- und Schablonenkünstler wie Hugo Kaagman und Diano Ozon zudem die Bildsprache und den Stil der Street Art vorweg.

Als ab 1983 die Yaki Kornblit Galerie nicht nur New York Graffiti ausstellt, sondern auch Writer wie SEEN, FUTURA, BLADE und ZEPHYR einlädt, hinterlassen diese ihre Spuren in der Stadt und beeinflussen die bereits existierende Szene. Locals wie SHOE, DELTA und JEZIS adaptieren die Form der Pieces und prägen mit ihren Styles seit Mitte der 80er Jahre entscheidend den Stil der aufkommenden Graffitiszene in Mitteleuropa.

Das Buch dokumentiert mit einmaligen historischen Fotos und Interviews den Übergang zweier unabhängiger Arten des Namewritings im Amsterdam der achtziger Jahre.

       Fotos: Steffen Köhler     Text: Sascha Blasche

Ralf Gründer. Verboten: Berliner Mauerkunst

Verboten: Berliner Mauerkunst - Ralf Gründer, 2007


Die am 13. August 1961 von der DDR errichtete Berliner Mauer trennte fast 30 Jahre lang die heutige Hauptstadt Berlin in Ost und West. Von 1975 bis zum 9. November 1989 bestand der sogenannte „antifaschistische Schutzwall“ aus den noch heute geläufigen 3,60m hohen und 1,20m breiten Mauersegmenten, die durch eine Betonröhre nach oben hin begrenzt wurden.

Obgleich die Mauer auf DDR-Boden stand und somit auch einige Meter auf Westseite offiziell Ost-Territorium waren, wurde die Grenze durch Soldaten nur von Osten aus kontrolliert. Diese Tatsache ermutigte in den ersten Jahren einige politische Aktivisten ihre Kommentare, Anklagen und Nachrichten mit Sprühdose und Pinsel von Westen auf die Mauer zu schreiben. Auch Touristen nutzten die freien Flächen und brachten Erinnerungsgraffiti und politische Sprüche an. Da dies von Westseite nicht geahndet und von der Ostseite nicht übertüncht wurde, zeigte die Grenzmauer um 1980 ein Sammelsurium individueller Spuren ihrer Besuchenden, die vor allem Spruchgraffiti auf ihr hinterließen.

Ralf Gründers „Berliner Mauerkunst“ hat die Folgejahre im Fokus, in welchen lokale und internationale Künstler wie Christophe Bouchet, Theirry Noir, Indiano, Kiddy Citny, Richard Hambleton oder Keith Haring die Wand als ihre Leinwand entdeckten. Anders als viele Fotobände zur Berliner Mauer zeigt das Buch nicht die Bilder eines Fotografierenden, sondern Gründer trägt Archive diverser Mauerfotografen der 80er Jahre zusammen, ordnet ein und liefert umfassende Hintergründe zu den Werken. Der Autor recherchierte zudem Archivmaterial von Aktionskünstler*innen, Musiker*innen und Filmemacher*innen um möglichst detailgetreu nachzuzeichnen, welche Mauerkunst wann und wo auf der Westseite stattgefunden hat.

Das Buch dürfte somit in Umfang, Vollständigkeit und Informationsdichte das wohl umfassendste Werk zur Kunst auf der Berliner Mauer sein.

Mehr zur Berliner Mauer finden Sie in unserem Katalog.

             Fotos: Steffen Köhler     Text: Sascha Blasche

Andrea Nelli. Graffiti A New York

GRAFFITI A NEW YORK - Andrea Nelli, 2012


Der Ursprung für die weltweite Graffiti-, Street Art- und Urban Art-Bewegung liegt im New York der 1960er und 1970er Jahre. Als lokales Ereignis entwickelten sich aus anfangs schlichten Namenszügen in den Straßen und Hinterhöfen der Bezirke innerhalb weniger Jahre aufwändige Schriftbilder, die auf den Zügen der Subway durch die ganze Stadt rollten.

Als das Phänomen auf seinem Höhepunkt Mitte der 1980er Jahre durch Martha Cooper und Henry Chalfant als „Subway Art“ um die Welt ging und global Nachahmer fand, begann sich verspätet auch die Wissenschaft für die Ausdrucksform zu interessieren. Das erst 1982 erschienenes Standardwerk „Getting Up“ von Craig Castleman galt seit jeher als erste wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik.

Doch schon 1978 veröffentlicht Andrea Nelli mit „Graffiti a New York“ einen umfangreichen Essay nachdem er bereits sechs Jahre zuvor bei seiner ersten Reise in die Stadt mit den Namenszügen im Stadtbild konfrontiert ist. Für seine Recherche interviewt er Akteure, Galeristen, trägt Zeitungsberichte zusammen und analysiert die sich rasch wandelnde Bewegung. Durch den Bankrott des Verlags nur wenige Wochen nach der Veröffentlichung seiner Dissertation im Jahr 1978, findet das Werk kaum Beachtung in der Forschung und wird lediglich ein begehrtes Sammlerstück in Szenekreisen.

Doch vierzig Jahre nach Nellis erstem New York-Besuch wurde „Graffiti a New York“ im Jahr 2012 vom italienischen Wholetrain Press Verlag wiederentdeckt, ins Englische übersetzt und neu aufgelegt. Neben dem Originaltext finden sich über 100 historische Aufnahmen des Autors, welche die wohl wichtigste Phase der Entwicklung hin zu klassischem Graffiti zeigen. Sowohl das Original als auch die Neuauflage sind Teil des Bestands der Martha Cooper Library.

Fotos: Steffen Köhler     Text: Sascha Blasche